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Vielleicht kennst du diese kleinen Momente.

Dein Kind klettert irgendwo hoch und in dir zieht sich bereits alles zusammen. Du möchtest am liebsten sofort sagen: „Vorsicht. Nicht so hoch. Halt dich fest. Komm, ich helfe dir.“

Oder genau andersherum. Dein Kind steht vor etwas, von dem du ziemlich sicher bist, dass es das eigentlich könnte. Alle anderen Kinder machen es doch auch. Also ermutigst du, lockst, erklärst, vielleicht schiebst du ein ganz kleines bisschen. Und je mehr du möchtest, dass dein Kind sich traut, desto weniger scheint es sich zu bewegen.

Willkommen in einer der feinsten Aufgaben von Elternschaft.

Wie viel Nähe braucht mein Kind, damit es sich sicher fühlt? Und wie viel Raum braucht es, damit es sich selbst erfahren kann?

Gerade im Kindergartenalter und in den ersten Schuljahren wird diese Frage oft besonders spürbar. Unsere Kinder wollen die Welt erobern. Sie wollen selber machen, ausprobieren, entscheiden, klettern, Freunde finden, sich entfernen und wieder zurückkommen. Gleichzeitig brauchen sie uns noch sehr. Manchmal sogar genau dann, wenn wir denken, sie müssten jetzt doch langsam selbstständiger werden.

Und vielleicht liegt genau hier eines der schönsten Entwicklungsgeheimnisse überhaupt.

Kinder werden nicht selbstständig, weil wir sie möglichst früh von uns wegbewegen. Sie können sich von uns wegbewegen, wenn sie tief genug erfahren haben, dass sie zu uns zurückkommen dürfen.

Ein Kind, das sich sicher verbunden fühlt, bekommt irgendwann Lust, seinen Radius zu vergrössern. Erst sind es vielleicht zwei Meter. Dann zehn. Irgendwann geht es um die nächste Ecke und viele Jahre später hinaus ins eigene Leben.

Unsere Aufgabe ist dabei nicht, jeden Schritt zu bestimmen. Sie ist auch nicht, jede Schwierigkeit aus dem Weg zu räumen. Vielleicht besteht unsere Aufgabe viel öfter darin, fein wahrzunehmen, ob unser Kind gerade mehr von uns braucht oder weniger.

Wenn deine Angst schneller ist als dein Kind.

Vielleicht klettert dein Kind auf einen Baum und dein ganzer Körper ruft schon: Gefahr.

Bevor du eingreifst, kannst du dir eine Sekunde schenken und dich fragen: Ist es wirklich gefährlich oder fühlt es sich für mich gerade nur gefährlich an?

Das ist ein grosser Unterschied.

Natürlich schützen wir unsere Kinder vor echten Gefahren. Aber manchmal schützen wir sie auch vor einem Wackeln, einem Scheitern, einem kleinen Sturz oder einer Unsicherheit, die sie eigentlich gut bewältigen könnten.

Dann kannst du versuchen, nicht sofort zu führen, sondern erst einmal da zu sein.

Statt zu sagen: „Pass auf, du fällst gleich runter“, könntest du sagen: „Ich bin hier. Schau mal, wo dein nächster Fuss gut stehen könnte.“

Und manchmal musst du gar nichts sagen.

Manchmal ist unser ruhigstes Dasein genau die Unterstützung, die ein Kind braucht.

Wenn du möchtest, dass dein Kind endlich mutiger wird

Es gibt auch die andere Seite.

Vielleicht möchtest du, dass dein Kind alleine bei einem Freund bleibt, im Schwimmkurs ohne dich mitmacht, sich auf dem Spielplatz etwas zutraut oder morgens selbstbewusst in den Kindergarten geht.

Und du weisst doch, dass es das könnte.

Nur dein Kind weiss es offenbar noch nicht.

Dann kann Vertrauen bedeuten, nicht noch mehr zu motivieren, sondern den Druck herauszunehmen.

Du könntest sagen: „Du musst heute noch nicht. Wir schauen gemeinsam.“

Oder: „Ich glaube, irgendwann wirst du bereit dafür sein.“

Was für ein Geschenk, wenn ein Kind erlebt: Meine Mutter oder mein Vater vertraut meiner Entwicklung so sehr, dass ich nicht schneller werden muss, als ich gerade bin.

Entwicklung lässt sich einladen. Sie lässt sich nicht ziehen.

Shot of a young woman giving her daughter a piggyback ride.

Hilf mir nicht bei allem, was ich selbst versuchen möchte

Wir helfen unseren Kindern aus Liebe. Schnell die Jacke schliessen, den Rucksack tragen, den Streit lösen, die Antwort vorsagen oder die Schuhe binden, weil wir es in zehn Sekunden erledigt haben und der Morgen sowieso schon spät dran ist.

Und manchmal ist genau diese Hilfe nötig.

Aber manchmal nehmen wir einem Kind dabei auch etwas, das es gerade dringend sucht: das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können.

Du kannst einmal am Tag ganz bewusst nach einem Moment Ausschau halten, in dem du normalerweise sofort helfen würdest, und stattdessen zwei Atemzüge länger warten.

Vielleicht sagst du dann: „Willst du es erst einmal selbst probieren? Ich bin da, wenn du mich brauchst.“

Das klingt klein. Für ein Kind kann darin unglaublich viel liegen.

Du glaubst, dass ich etwas kann.

Eines der größten Geschenke ist, deinem Kind so viel Autonomie wie möglich zu geben, seinem Alter entsprechend. Aber eben, ohne es in die Autonomie zu pushen.

Gib mir Entscheidungen, die wirklich meine sein dürfen

Autonomie bedeutet nicht, dass Kinder alles bestimmen.

Kinder brauchen Erwachsene, die führen, Grenzen setzen und Verantwortung tragen. Aber innerhalb dieses sicheren Rahmens brauchen sie Räume, in denen ihre Entscheidung wirklich zählt.

Statt zu fragen: „Willst du jetzt ins Bett?“, obwohl das Schlafengehen gar nicht verhandelbar ist, könntest du sagen: „Möchtest du zuerst Zähne putzen oder zuerst den Pyjama anziehen?“

Statt zu fragen: „Willst du heute in den Kindergarten?“, könntest du sagen: „Willst du deine rote oder deine blaue Mütze mitnehmen?“

Je älter Kinder werden, desto grösser dürfen diese Räume werden.

Vielleicht darf dein Kind entscheiden, wie es sein Zimmer gestaltet, wofür es einen Teil seines Taschengeldes verwendet oder welchen Weg ihr nach Hause nehmt.

Es geht nicht darum, möglichst viele Entscheidungen abzugeben.

Es geht darum, echte Räume zu schaffen, in denen dein Kind erlebt: Mein Wille zählt. Ich habe Einfluss auf mein Leben.

Und wenn es schiefgeht, bleib bei mir

Autonomie bedeutet zwangsläufig auch, dass Kinder Entscheidungen treffen werden, die wir anders getroffen hätten.

Das gehört dazu.

Vielleicht nimmt dein Kind die Jacke nicht mit und friert später. Vielleicht gibt es sein ganzes Taschengeld aus und ärgert sich zwei Tage danach. Vielleicht wagt es etwas und merkt, dass es doch noch zu schwierig war.

Das sind kostbare Momente.

Nicht für: „Siehst du, ich habe es dir doch gesagt.“

Sondern für Sätze wie:

  • „Oh, jetzt ist dir kalt.“
  • „Das ist wirklich ärgerlich.“
  • „Was möchtest du beim nächsten Mal anders machen?“

Und manchmal braucht es noch nicht einmal die letzte Frage.

Kinder merken erstaunlich viel selbst, wenn wir ihnen die Erfahrung nicht sofort erklären.

Silhouette of children jump gladness happy time

Vielleicht ist genau das unser Tanz

Vielleicht besteht unsere Aufgabe viel öfter darin,

  • näher zu kommen, wenn unser Kind Sicherheit braucht
  • einen Schritt zurückzutreten, wenn es selbst ausprobieren möchte
  • zu schützen, wenn wirklich Schutz nötig ist
  • auszuhalten, dass unser Kind etwas versucht, bei dem wir selbst kurz die Luft anhalten
  • und immer wieder darauf zu vertrauen, dass Entwicklung ihren eigenen Rhythmus hat
    Nicht blind. Nicht laissez faire. Sondern aus einer tiefen Verbindung heraus.

Ich bin hier. Ich sehe dich. Und ich glaube daran, dass in dir etwas weiss, wann dein nächster Schritt kommt.

Vielleicht kannst du dich diese Woche einmal beobachten

  • Wo greife ich ein, obwohl mein Kind gerade selbst entdecken könnte?
  • Wo wünsche ich mir einen Entwicklungsschritt so sehr, dass ich anfange zu ziehen
  • Und wo könnte ich meinem Kind ein kleines Stück mehr echten Entscheidungsraum schenken?

Nicht alles auf einmal. Ein Moment reicht.

Denn vielleicht entsteht Selbstständigkeit genau dort, wo ein Kind gleichzeitig zwei Dinge spürt: Ich darf hinaus in die Welt. Und ich habe einen sicheren Ort, zu dem ich zurückkommen kann.

Wenn du tiefer verstehen möchtest, warum Nähe dein Kind nicht unselbstständig macht, sondern seine natürliche Entdeckerfreude und seinen Mut stärkt, habe ich dazu mein kostenloses 14 Minuten Video „Safe to Explore“ aufgenommen.

Darin zeige ich dir, wie Bindung und Autonomie zusammenspielen und warum wir Kinder manchmal weniger schützen und manchmal weniger pushen dürfen.

Damit sie ihren eigenen Weg in die Welt finden können und dabei tief wissen: Du bist da.

Von Herzen
Kirsten 

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