Wenn ein Kind stirbt, bleibt für die Eltern eine Welt zurück, die nie wieder dieselbe ist. Für viele Betroffene ist es kaum möglich, Worte für das Unfassbare zu finden. Und doch kann gerade das Teilen von Erfahrungen helfen – heilen – Halt geben.
In dieser berührenden Member Spotlight-Geschichte erzählt Christine Huntemann, langjähriges mamalicious-Community-Mitglied, von ihrer Tochter Nina Lotta, die nur vier Monate alt wurde. Christine spricht mit einer Ehrlichkeit, die unter die Haut geht – über Liebe, Verlust, Ohnmacht, gesellschaftliches Schweigen und darüber, wie sie ihren Weg zurück ins Leben gefunden hat.
Ein Interview mit Mamalicious Mitglied und 5-Fach-Mama Christine Huntemann über das Tabuthema Kindesverlust, über Sternenkinder und den Mut, offen über Trauer zu sprechen – damit andere wissen: Du bist nicht allein.

Mamalicious: Ich möchte gerne da einsteigen, wo deine Geschichte gerade erst begonnen hat – bei der Geburt eurer jüngsten Tochter Nina Lotta. Was ist damals passiert?
Christine: Unsere jüngste Tochter Nina Lotta musste in der 28. Schwangerschaftswoche per Not-Kaiserschnitt zur Welt geholt werden wegen einer drohenden Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung). Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits Mutter von vier Kindern, zweimal Zwillinge, die ebenfalls als Frühchen zur Welt gekommen sind – aber nicht so früh.
Wir hatten mit Nina zuerst grosses Glück. Wir durften sie noch vor dem errechneten Termin nach Hause nehmen. Sie wurde entlassen als „Vorzeigefrühchen der Station“ (laut Ärztebericht) und völlig gesund. Mit ihrer Heimkehr war die stressige Zeit vorbei: der Spagat zwischen Krankenhaus und Zuhause – endlich einfach nur schön. Wir waren komplett.
Nina wurde von allen heiss geliebt, umsorgt und in vollen Zügen genossen – als hätten wir geahnt, dass unsere Zeit mit ihr begrenzt sein würde. Mit nur vier Monaten ist sie innerhalb von fünf Tagen an einer Meningitis verstorben, völlig unerwartet und aus dem Nichts. Es ist das Schlimmste, was einem passieren kann.
Mamalicious: Wenn ich an so etwas denke, fällt mir als erstes das Wort Ohnmacht ein. Kannst du beschreiben, wie sich das damals für dich angefühlt hat?
Christine: Nein, ehrlich gesagt nicht richtig. Ich habe diese Tage wie in Trance erlebt, als hätte ich von aussen zugesehen, wie eine andere Person funktioniert. An vieles kann ich mich kaum erinnern oder nur verschwommen – vielleicht, weil mein Unterbewusstsein das nicht zulassen will? Es war wie ein Albtraum, aus dem man nicht erwacht.
Nina ist nachts in den Armen meines Mannes gestorben – und ich frage mich bis heute, wie er mit diesen Bildern leben kann.
Das Schlimmste für uns war aber, dass wir nach diesem Verlust einfach so aus dem Krankenhaus entlassen wurden. Niemand hat uns begleitet oder unterstützt. Zuerst dachten wir, wir schaffen das alleine – aber wir mussten erkennen, dass das so nicht funktioniert. Wir haben versucht, uns Hilfe zu holen, unter anderem in einer Selbsthilfegruppe (was leider nicht gut funktioniert hat).
Hilfe und Unterstützung bekam ich erst rund ein Jahr später in der Schweiz. Zum Zeitpunkt von Ninas Tod lebten wir noch in Deutschland. Das Weiterleben in dem Haus, in dem sie ihr eigenes Zimmer hatte und mich jeden Tag alles an sie erinnerte, war für mich schlicht unmöglich.
Da ich seit Jahren ohnehin Heimweh nach Bern hatte, zogen wir zurück in meine Heimat. Dort musste mein Körper zuerst alles verarbeiten. Ich war ständig im Inselspital, wo zum Glück festgestellt wurde, dass viele Beschwerden psychischer Natur waren. Dort wurde mir Anna Margareta Neff, Hebamme und Leiterin von kindsverlust.ch, vermittelt. Sie hat mich sozusagen gerettet – leider sogar zweimal.
Denn ich durfte nach Nina nochmals schwanger werden, erlitt aber in der 21. Woche einen schweren Abort. Dabei wäre ich fast selbst gestorben und mir musste die Gebärmutter entfernt werden. Es ist einfach unfassbar traurig.
Mamalicious: Ich ziehe meinen Hut davor, dass du so offen über deine Gefühle sprichst. Viele Mütter und Väter erleben Ähnliches, und doch scheint die Gesellschaft oft nicht so richtig Platz dafür zu lassen. Hast du das selbst auch so erfahren?
Christine: Ja, leider. Auch innerhalb der eigenen Familie. Mir hilft es, offen über meine Gefühle zu reden – doch viele im Umfeld sind damit überfordert.
Meine eigene Mutter zum Beispiel lässt das Thema überhaupt nicht mehr zu. Jedes Jahr gestalte ich einen Familienkalender mit Fotos unserer Kinder – natürlich auch mit Bildern von Nina. Letztes Weihnachten hat sie mir klar gesagt, sie wolle keine Fotos von Nina mehr sehen.
Das tut unendlich weh. Als Mutter ist es für mich das Schlimmste, so zu tun, als hätte mein Kind nie existiert.
Mamalicious: Hattest du durch diesen Druck aus deinem Umfeld überhaupt Zeit zum Trauern? Darf man das heute überhaupt noch?
Christine: Trauer ist wie ein Ozean. Sie kommt und geht in Wellen. Man muss lernen, nicht darin zu ertrinken, sondern oben zu bleiben und das Ufer zu sehen. Ich habe zum Glück noch gesunde Kinder – aufgeben war keine Option. Stark sein, weitergehen, nach vorne schauen und wieder glücklich werden – das bin ich ihnen schuldig.
Natürlich geht das nicht von heute auf morgen. Jeder muss seinen eigenen Weg im Umgang mit so einem Schicksal finden.
Leider hat auch unsere Beziehung darunter gelitten. Männer und Frauen trauern anders, und oft wirkten wir wie Planeten, die nur noch umeinander kreisen.
Mamalicious: Was hat dir in dieser Zeit am meisten geholfen?
Christine: Das Reden – zwar nicht in der Familie, aber mit Freundinnen, Freunden und vor allem meiner Trauerbegleitung, Anna Margareta Neff. In solchen Situationen merkt man, wer wirklich hinter einem steht. Ich habe das Glück, langjährige Freundschaften zu haben, die immer für mich da waren – auch über Distanz und Zeit.
Mamalicious: Hat dir deine eigene Spiritualität in dieser Zeit geholfen? Was praktizierst du für dein Seelenwohl?
Christine: Ehrlich gesagt: nein. Ich war nie besonders gläubig oder spirituell unterwegs. Anders als mein Mann, der katholisch erzogen wurde und früher Gottesdienste und Gebete pflegte. Nach allem, was passiert ist, hat er diesen Glauben verloren.
Mamalicious: Wie stellst du dir den Tod heute vor?
Christine: Für mich ist der Tod mittlerweile eine Erlösung. Nichts kann härter sein als das Leben selbst mit all seinen Schicksalsschlägen, Krankheiten und leider auch gewissen Mitmenschen.
Mamalicious: Was hat die direkte Konfrontation mit dem Tod mit dir gemacht?
Christine: Ich sehe vieles anders als früher. Meine Prioritäten haben sich komplett verschoben. Ich versuche, jeden Tag zu geniessen und im Moment zu leben. Denn ich weiss: Alles kann sich von einer Sekunde auf die andere verändern. Das Wichtigste für mich ist, dass meine gesunden Kinder glücklich bleiben und ich ihnen beim Aufwachsen zusehen darf.
Früher habe ich nie gross über das Danach nachgedacht und mit esoterischem oder übersinnlichem Gedankengut nichts anfangen können. Seit Ninas Tod weiss ich aber: Es ist nicht einfach aus und vorbei. Sie hat sich – in der Nacht ihres Todes und in den Wochen danach – ganz klar von uns verabschiedet.

Mamalicious: Wie bleibt Nina Teil eurer Familie?
Christine: Ja, wir pflegen Rituale. Jedes Jahr feiern wir Ninas Geburtstag und lassen sowohl an diesem Tag als auch an ihrem Todestag einen hübschen Heliumballon mit einem Foto von uns – oder zumindest mit den Geschwistern – in den Himmel steigen.
Ich achte darauf, dass diese Tage fröhlich und bunt sind: mit Kuchen und kleinen Überraschungen. Sie sollen unsere Kinder nicht belasten, sondern Freude machen. So bleibt Nina immer als Teil unserer Familie in Erinnerung.
Mamalicious: Hast du dich durch diese Erfahrung als Mensch und Mutter verändert? Inwiefern?
Christine: Ich bin als Mutter viel ängstlicher geworden. Loslassen fällt mir schwerer als zuvor. Meine Unbeschwertheit und mein Vertrauen ins Leben habe ich verloren. Ich möchte am liebsten immer alles selbst organisieren und kontrollieren.
Trotzdem versuche ich, positiv zu denken und all das Schöne in meinem Leben zu sehen. Denn es ist ja nicht nur schlecht! Ich bin dankbar für glückliche, gesunde Momente mit meiner Familie.
Mamalicious: Vom Thema Unglück zum Thema Glück: Wie lebt es sich eigentlich als 4-fach-Mama – als Doppel-Zwillingsmama?
Christine: Es wird nie langweilig. Oft ist es anstrengend, mühsam und kräftezehrend – und dennoch einfach das Schönste auf der Welt. Meine Kids bedeuten mir alles. Aber wem erzähle ich das… das sieht wohl jede Mutter ähnlich!
Mamalicious: Du bist Mutter von 2×2 Zwillingen (Maja und Fee, 12; Rocco und Elvis, 9), arbeitest 50 %, und jeden Samstagnachmittag betreust du eine leicht demente Frau. Und eine Putzfrau hast du nicht. Wie managst du das?
Christine: Es funktioniert ziemlich gut. Ich habe sogar noch Zeit für meinen Sport, was mir wichtig ist. Ehrlich gesagt wäre es für mich schlimm, wenn ich zu viel Leerlauf hätte. Wenn ich nichts zu tun habe, drohe ich, in meine Gedanken und Flashbacks zu fallen. Beschäftigt sein ist vielleicht meine Art, nach vorne zu gehen – und es tut mir gut.
Mamalicious: Dein Partner und Vater deiner Kinder – wie überlebt eine Beziehung so etwas? Sowohl den Schicksalsschlag wie auch 2× Zwillinge?
Christine: Ehrlich gesagt bin ich mir bis heute nicht sicher, ob wir das als Paar wirklich überlebt haben…
Mamalicious: Glaubst du an Gott?
Christine: Nein.
Mamalicious: Was möchtest du den Mamis in unserer Community mitgeben?
Christine: No bitching but supporting. That’s what women should do! Redet offen über eure Probleme, darüber, was euch beschäftigt – aber nicht hinter dem Rücken! – und seid füreinander da. Ich kann nicht alle in meinem Umfeld mögen, aber alle respektieren und leben lassen. Das Leben ist zu kurz für negative Energien… auch wenn die Realität oft anders aussieht. Aber das ist ein Thema für sich – ein anderes Mal.
Mamalicious: Du hast einen neuen Job, in dem sich deine Geschichte widerspiegelt?
Christine: Ja. Ich arbeite jetzt bei der Ronald McDonald Kinderstiftung in Bern, wo ich Familien in den schwersten Zeiten ihres Lebens unterstützen darf. Natürlich reissen auch meine eigenen Wunden manchmal wieder auf – aber vielleicht ist es auch eine schöne Art und Weise, mein eigenes Schicksal zu verarbeiten und gleichzeitig Gutes zu tun. Durch meine Geschichte kann ich gut mitfühlen und Familien optimal begleiten. Auch wenn der Job traurig sein kann, fühle ich mich dort goldrichtig.
Die Ronald McDonald Kinderstiftung ist auf Spenden angewiesen. Wer möchte, kann hier unterstützen:
https://ronaldmcdonald-house.ch/bern-spenden



