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10 Jahre Gschichtefritz: Das grosse Interview übers Geschichteerzählen

von Racha Fajjari

Als «Gschichtefritz» macht Andri Krämer seit 10 Jahren Hörgeschichten mit Liedern. Mehr als 120‘000 Mal hat er seine Geschichten auf CD oder als Download ausgeliefert und in vielen Schweizer Kinderzimmern werden sie täglich gehört.

MAMALICIOUS: Über 60 Geschichten findet man auf deiner Website gschichtefritz.ch.  Jetzt möchten wir aber deine Geschichte hören. Wie wurdest du zum „Gschichtefritz“?

GSCHICHTEFRITZ: Zum dritten Geburtstag meines Neffen schrieb ich die Hörgeschichte „Vom Blauen Dino und vom Pilot“. Die kam so gut an, dass ich ihm im darauffolgenden Jahr eine weitere Geschichte schenkte, in der zwei Kinder aus Schrott einen Roboter namens Beni bauen. Das ist alles schon eine Weile her. Inzwischen ist der „kleine Neffe“ grösser als ich und steht kurz vor dem Schulabschluss.  Als ich vor zehn Jahren dann zum ersten Mal Vater wurde und eine längere Auszeit nahm, kam ich auf die Idee, das mit dem Kindergeschichten erzählen auch langfristig und mit einer Reichweite über das persönliche Umfeld hinaus zu machen. Ich schrieb drei, vier weitere Geschichten und programmierte die nötige Software, um die Hörgeschichten über das Web anzubieten und als CD oder MP3 zu vertreiben. Reto Lamprecht, ein ehemaliger Studienkollege und passionierter Comic-Zeichner, entwarf ein „Gschichtefritz-Logo“, das Design für die Website und zeichnete zu jeder neuen Geschichte eine Illustration. Ausserdem hat es in jeder Geschichte mehrere selbst komponierte Lieder. Schon seit meiner Jugendzeit schreibe ich gerne Songs und war immer irgendwie hin und her gerissen zwischen der „Künstler-Welt“ und der „Business-Welt“. Und als „Gschichtefritz“ kann ich nun quasi beide Welten unter ein Dach bringen und alle meine Fähigkeiten nutzen.

MAMALICIOUS: „Jeder bezahlt so viel er will“, heisst es bei Gschichtefritz. Das tönt jetzt nicht nach klassischer „Business-Welt“?

GSCHICHTEFRITZ: Das stimmt. Das mit der freiwilligen Bezahlung nach Gutdünken war zu Beginn eher ein Experiment. Ich wollte wissen, wie die Leute darauf reagieren. Ich habe deshalb auch von Anfang an versucht, meine Kosten so tief wie möglich zu halten: schlichte Verpackung, Versand nur per B-Post und alles selber machen, was ich irgendwie selber erledigen kann. So bin ich mit 200 Couverts, CD-Rohlingen und günstigen durchsichtigen CD-Hüllen an Lager und sechs Geschichten im Shop gestartet.

MAMALICIOUS: Das Experiment scheint geglückt zu sein?

GSCHICHTEFRITZ: Na ja, eine Regel musste ich noch aufstellen, als mein Geschichten-Angebot grösser wurde, sonst hätte das auf Dauer nicht funktioniert. Ich habe eine Mengenbeschränkung eingeführt: Pro Haushalt darf man innerhalb von 30 Tagen maximal drei Geschichten bestellen, weil ich gemerkt habe, dass es Leute gibt, bei denen beim Wort „gratis“ die Sicherungen durchbrennen und sie möchten alles sofort und in vierfacher Ausführung haben. Irgendwann war ich es leid, Stunden damit zu verbringen, per E-Mail zu erklären, dass es doch viel sinnvoller wäre, erst mal eine CD zu bestellen und zu schauen, ob die Geschichte überhaupt gefällt und dann erst eine nächste Bestellung aufzugeben. Ich wollte, dass sich die Leute bei mir ähnlich vernünftig verhalten wie in einer Buchhandlung. Dort kauft man auch selten 30 Hör-CDs aufs Mal. Dank der Mengenbeschränkung konnte ich die freiwillige Bezahlung bis heute beibehalten. Für diejenigen, die gerne mehrere Geschichten auf einmal bestellen möchten, habe ich vor einigen Jahren Geschenk-Abos eingeführt. Die haben einen Fixpreis von 90.- und das Kind erhält dann sechs Mal Post von Gschichtefritz.

MAMALICIOUS: Eine Besonderheit bei gschichtefritz.ch sind auch die persönlichen, von dir gesprochenen Widmungen im Vorspann jeder Geschichte. Wie kam es dazu?

GSCHICHTEFRITZ: Ich wollte von Anfang an etwas bieten, was kein anderer Anbieter kann: einen individuellen Mehrwert bei jeder Bestellung. Und ich denke , dass dies vielleicht auch ein Grund ist, weshalb so viele Leute freiwillig etwas für meine CDs oder MP3 bezahlen. Wenn eine CD beginnt mit: „Das Gschichtli ghört de Amelie. Es isch es Geburtstagsgschänkli vom Gotti Petra“, dann erkennen alle, dass hier Aufwand dahinter steckt und dass es angebracht ist, etwas dafür zu geben, wenn man kann. Das ist mir nämlich wirklich wichtig: wer nichts bezahlen kann, soll trotzdem bestellen! Ich erhalte immer wieder nette und dankbare E-Mails von Kundinnen und Kunden, die nichts oder nur ab und zu eine Kleinigkeit bezahlen. Klar, mit netten E-Mails kann ich zwar keine Krankenkassenprämien bezahlen, aber ich betrachte sie als eine Art Zusatzlohn, so wie der Bonus der Banker, einfach ein bisschen «souliger» (lacht). Sie zeigen mir, dass meine Arbeit sinnvoll ist und geschätzt wird. Und natürlich haben alle Kinder riesige Freude, wenn sie im Vorspann ihren Namen hören.

MAMALICIOUS: Möchtest Du nicht die ganze Geschichte personalisieren, so dass man zum Beispiel bei der Bestellung angeben kann, wie die Hauptperson heissen soll?

GSCHICHTEFRITZ: Nein, das widerstrebt mir. Ich hätte es ziemlich befremdend gefunden, wenn ich als Kind eine Geschichte bekommen hätte, welche von „mir“ handelt und in welcher der „Held“ meinen Namen gehabt hätte. Verkaufen liesse sich das vielleicht gut, aber ich definiere mich auch gerne darüber, was ich bewusst nicht mache, obwohl es andere vielleicht machen würden.

MAMALICOUS: Wie meinst Du das?

GSCHICHTEFRITZ: Ich gebe keine Autogramme, mache keine Home-Stories, poste keine Fotos meiner Familie und mache auch keine Werbung in meinem persönlichen Umfeld. Promi-Gehabe in welcher Form auch immer geht mir so auf die Nerven und es ist so ungefähr das Letzte, was Kinder brauchen. Weil ich „Gschichtefritz“ nebenbei, so quasi als Herzens-Projekt mache, sage ich zu allem nein, was mir entweder keinen Spass macht oder mir nicht sinnvoll erscheint, zum Beispiel Auftragsarbeiten.  Ich mache auch keine Geschichten, die einen bestimmten Zweck erfüllen sollen, wie Ostergeschichten, Fussball-WM-Geschichten, Weihnachtsgeschichten, „Heute lernen wir mal etwas über Wald-Tiere“-Geschichten und so weiter …

10 Jahre Gschichtefritz: Das grosse Interview übers Geschichteerzählen
Der Gschichtefritz am MAMALICIOUS Market

MAMALICIOUS: Womit verbringst Du am meisten Zeit?

GCHICHTEFRITZ: Früher stand das Schreiben und Produzieren von neuen Geschichten im Vordergrund. Inzwischen gibt es rund 40 Geschichten vom Blauen Dino und über 20 Geschichten vom Roboter Beni im Angebot und der Fokus hat sich etwas verschoben: Ich erzähle die Geschichten neu auch live. Aktuell bin ich auf grosser Lese-Tour an Schulen im Kanton Zürich. Ich habe Hörstationen für Bibliotheken im Angebot, die ich ebenfalls selber baue. Und dann verbringe ich jede Woche einige Stunden mit dem Erledigen der Bestellungen. Zum Beispiel habe ich so in den 10 Jahren rund 50‘000 CDs selbst gebrannt, verpackt und zur Post gebracht. Zu guter Letzt, auch wenn ich mich immer wieder gerne davor drücke, muss ich auch Werbung für mich machen , denn ganz ohne Promo geht es nicht. So wie mein Neffe, sind auch viele andere Gschichtefritz-Hörerinnen und -hörer der ersten Stunde inzwischen in der Oberstufe oder bereits erwachsen. Also muss ich schauen, dass auch immer wieder Familien mit kleinen Kindern erfahren, dass es mich gibt und ich nicht allzu un-promimässig unberühmt bleibe (lacht).

MAMALICIOUS: OK, dann bring jetzt deine Werbebotschaft in drei Sätzen!

GSCHICHTEFRITZ: Geh jetzt auf www.gschichtefritz.ch und bestelle eine CD mit drei Geschichten für deine Kinder. Wenn es deine finanzielle Situation erlaubt, dann bezahlst du mit dem beiliegenden Einzahlungsschein einen Betrag deiner Wahl. Und erzähl es weiter, wenn deine Kinder Freude daran haben!

10 Jahre Gschichtefritz: Das grosse Interview übers Geschichteerzählen
Der Blaue Dino

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